Jahresabschluss bewerten: Kennzahlen und Methoden 2026
Zuletzt aktualisiert: April 2026 · Lesezeit: ca. 10 Minuten
Die Bewertung des Jahresabschlusses zeigt, wie es um Ihr Unternehmen wirtschaftlich wirklich steht. Während die Bewertung im Jahresabschluss nach HGB die handelsrechtlichen Grundsätze und Methoden für die Ansatz- und Wertermittlung vorgibt, bildet die anschließende Analyse die Grundlage für Bankgespräche, Investitionsentscheidungen und strategische Planung. Dieser Leitfaden erklärt, wie Sie Ihren Jahresabschluss richtig analysieren und welche Kennzahlen dabei entscheidend sind.
Kurzantwort
Die Bewertung des Jahresabschlusses umfasst zwei Bereiche: die handelsrechtliche Bewertung von Bilanzpositionen nach §§ 252-256 HGB sowie die betriebswirtschaftliche Analyse durch Kennzahlen. Letztere zeigt die wirtschaftliche Lage des Unternehmens und ist Grundlage für Finanzierungsgespräche und strategische Entscheidungen.
Inhaltsverzeichnis
Die zwei Bedeutungen der Jahresabschlussbewertung
Der Begriff Bewertung des Jahresabschlusses hat zwei grundlegend unterschiedliche Bedeutungen, die oft miteinander verwechselt werden. Für Geschäftsführer von Kapitalgesellschaften ist es wichtig, beide zu kennen und auseinanderzuhalten.
Die erste Bedeutung bezeichnet die handelsrechtliche Bewertung von Bilanzpositionen nach §§ 252-256 HGB. Dabei geht es um die Frage, mit welchem Wert einzelne Vermögensgegenstände und Schulden in der Bilanz angesetzt werden. Diese Bewertung ist gesetzlich vorgeschrieben und folgt festen Regeln – beispielsweise bei der Bewertung des Anlagevermögens, das spezifischen Vorschriften zur Abschreibung und Wertermittlung unterliegt.
Die zweite Bedeutung meint die betriebswirtschaftliche Analyse und Interpretation der Jahresabschlusszahlen. Hier werden Kennzahlen berechnet und ausgewertet, um die wirtschaftliche Lage des Unternehmens zu beurteilen. Diese Form der Bewertung ist für die Unternehmenssteuerung entscheidend.
Handelsrechtliche Bewertung
- Ansatz von Vermögensgegenständen und Schulden
- Gesetzlich vorgeschrieben nach §§ 252-256 HGB
- Verpflichtend für alle Kaufleute
- Grundlage für die Bilanz nach § 266 HGB
Betriebswirtschaftliche Bewertung
- Analyse durch Kennzahlen und Verhältniszahlen
- Nicht gesetzlich vorgeschrieben
- Freiwillig für Unternehmenssteuerung
- Grundlage für Finanzierungsgespräche
Hinweis
Dieser Artikel behandelt beide Aspekte: zuerst die handelsrechtliche Bewertung nach HGB, dann die betriebswirtschaftliche Kennzahlenanalyse für die Praxis.
Bewertung von Bilanzpositionen nach HGB
Das Handelsgesetzbuch legt in den §§ 252-256 HGB detailliert fest, wie einzelne Bilanzpositionen zu bewerten sind. Diese Regeln gelten für alle Kapitalgesellschaften einheitlich und sind zwingend einzuhalten.
Die Bewertungsvorschriften unterscheiden sich je nach Art des Vermögensgegenstands oder der Schuld. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Anlage- und Umlaufvermögen sowie zwischen abnutzbaren und nicht abnutzbaren Vermögensgegenständen.
| Bilanzposition | Bewertungsmaßstab | Besonderheit |
|---|---|---|
| Anlagevermögen (abnutzbar) | Anschaffungskosten abzgl. Abschreibungen | Planmäßige nach § 253 Abs. 3 HGB |
| Anlagevermögen (nicht abnutzbar) | Anschaffungskosten | Außerplanmäßige nur bei dauerhafter Wertminderung |
| Umlaufvermögen | Anschaffungskosten oder niedrigerer Wert | Strenges Niederstwertprinzip nach § 253 Abs. 4 HGB |
| Forderungen | Nennwert abzgl. Wertberichtigungen | Uneinbringliche sind auszubuchen |
| Vorräte | Anschaffungs- oder Herstellungskosten | Vereinfachte Verfahren nach § 256 HGB |
| Verbindlichkeiten | Erfüllungsbetrag | Höchstwertprinzip |
| Rückstellungen | Voraussichtlicher Erfüllungsbetrag | Schätzung nach § 253 Abs. 1 S. 2 HGB |
Die Anschaffungskosten umfassen nach § 255 Abs. 1 HGB den Kaufpreis zuzüglich Anschaffungsnebenkosten und abzüglich Anschaffungspreisminderungen. Herstellungskosten sind nach § 255 Abs. 2 HGB aufwendungsbezogen zu ermitteln.
„Viele Geschäftsführer unterschätzen die Bedeutung korrekter Bewertungsansätze. Fehler bei der Bewertung führen nicht nur zu einem falschen Jahresabschluss, sondern können auch steuerliche und haftungsrechtliche Konsequenzen haben.”
— Servet Gündogan, Büroleiter OnlineBilanz Stuttgart
Bewertungsgrundsätze nach § 252 HGB
§ 252 HGB legt die allgemeinen Bewertungsgrundsätze fest, die für alle Positionen des Jahresabschlusses gelten. Diese Grundsätze sind die Basis für eine ordnungsgemäße Bilanzierung und müssen zwingend beachtet werden.
Das Vorsichtsprinzip
Das Vorsichtsprinzip nach § 252 Abs. 1 Nr. 4 HGB ist der wichtigste Bewertungsgrundsatz. Es besagt, dass Vermögen nicht zu hoch und Schulden nicht zu niedrig angesetzt werden dürfen. Das bedeutet: Gewinne dürfen nur ausgewiesen werden, wenn sie am Bilanzstichtag realisiert sind.
Aus dem Vorsichtsprinzip ergeben sich zwei konkrete Bewertungsregeln: das Niederstwertprinzip für Vermögensgegenstände und das Höchstwertprinzip für Schulden. Diese Asymmetrie führt zu einer tendenziell konservativen Darstellung der Vermögenslage.
Weitere zentrale Bewertungsgrundsätze
- Going-Concern-Prinzip (§ 252 Abs. 1 Nr. 2 HGB): Die Bewertung erfolgt unter Annahme der Fortführung der Unternehmenstätigkeit
- Einzelbewertung (§ 252 Abs. 1 Nr. 3 HGB): Jeder Vermögensgegenstand und jede Schuld sind einzeln zu bewerten
- Bilanzidentität (§ 252 Abs. 1 Nr. 1 HGB): Die Wertansätze in der Eröffnungsbilanz müssen mit denen der Schlussbilanz des Vorjahres übereinstimmen
- Stichtagsprinzip (§ 252 Abs. 1 Nr. 3 HGB): Maßgeblich sind die Verhältnisse am Bilanzstichtag
Achtung
Ein Verstoß gegen die Bewertungsgrundsätze nach § 252 HGB führt zu einem fehlerhaften Jahresabschluss. Dieser muss korrigiert werden, bevor er beim Unternehmensregister offengelegt wird – die Frist beträgt 12 Monate nach § 325 HGB.
Stetigkeitsgrundsatz
Der Stetigkeitsgrundsatz nach § 252 Abs. 1 Nr. 6 HGB verlangt, dass die auf den vorhergehenden Jahresabschluss angewandten Bewertungsmethoden beibehalten werden. Abweichungen sind nur in begründeten Ausnahmefällen zulässig und müssen im Anhang nach § 284 Abs. 2 Nr. 2 HGB erläutert werden.
Betriebswirtschaftliche Kennzahlenanalyse
Die betriebswirtschaftliche Bewertung des Jahresabschlusses erfolgt durch die systematische Berechnung und Interpretation von Kennzahlen. Diese zeigen die wirtschaftliche Lage des Unternehmens und ermöglichen Vergleiche mit Vorjahren oder Branchenwerten.
Kennzahlen lassen sich in drei zentrale Kategorien einteilen: Liquiditätskennzahlen zeigen die Zahlungsfähigkeit, Rentabilitätskennzahlen messen die Ertragskraft und Kapitalstrukturkennzahlen bewerten die Finanzierungsstruktur. Alle drei Bereiche sind für eine fundierte Unternehmensbeurteilung notwendig.
Liquiditätskennzahlen
- Liquidität 1. Grades
- Liquidität 2. Grades
- Liquidität 3. Grades
- Working Capital
Rentabilitätskennzahlen
- Eigenkapitalrentabilität
- Gesamtkapitalrentabilität
- Umsatzrentabilität
- EBIT-Marge
Kapitalstrukturkennzahlen
- Eigenkapitalquote
- Fremdkapitalquote
- Verschuldungsgrad
- Anlagendeckung
Hinweis
Die Kennzahlenanalyse ist nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber unverzichtbar für Kreditgespräche mit Banken. Nahezu alle Kreditinstitute führen ein Rating durch, das auf Jahresabschlusskennzahlen basiert.
Für eine aussagekräftige Analyse sollten Kennzahlen immer im Zeitvergleich (mindestens drei Jahre) und im Branchenvergleich betrachtet werden. Einzelne Kennzahlen allein haben nur begrenzte Aussagekraft.
Liquiditätskennzahlen im Detail
Liquiditätskennzahlen zeigen, ob ein Unternehmen in der Lage ist, seine fälligen Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Sie werden aus dem Verhältnis von verfügbaren liquiden Mitteln zu kurzfristigen Verbindlichkeiten berechnet.
Liquidität 1. Grades (Barliquidität)
Die Liquidität 1. Grades setzt die flüssigen Mittel ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Die Formel lautet: (Liquide Mittel / Kurzfristige Verbindlichkeiten) × 100. Ein Wert von 20-30% gilt als ausreichend.
Liquidität 2. Grades (Einzugsliquidität)
Diese Kennzahl berücksichtigt neben liquiden Mitteln auch kurzfristige Forderungen. Die Formel: ((Liquide Mittel + Kurzfristige Forderungen) / Kurzfristige Verbindlichkeiten) × 100. Der Zielwert liegt bei 100-120%.
Liquidität 3. Grades (Umsatzliquidität)
Sie umfasst das gesamte Umlaufvermögen: (Umlaufvermögen / Kurzfristige Verbindlichkeiten) × 100. Ein Wert über 150% gilt als solide, Werte unter 100% signalisieren kritische Liquidität.
| Kennzahl | Formel | Zielwert | Interpretation |
|---|---|---|---|
| Liquidität 1. Grades | Liquide Mittel / Kurzfr. Verbindlichkeiten × 100 | 20-30% | Sofortige Zahlungsfähigkeit |
| Liquidität 2. Grades | (Liquide Mittel + Forderungen) / Kurzfr. Verbindlichkeiten × 100 | 100-120% | Kurzfristige Zahlungsfähigkeit |
| Liquidität 3. Grades | Umlaufvermögen / Kurzfr. Verbindlichkeiten × 100 | > 150% | Mittelfristige Zahlungsfähigkeit |
| Working Capital | Umlaufvermögen – Kurzfr. Verbindlichkeiten | > 0 | Finanzielle Stabilität |
Achtung
Eine Liquidität 3. Grades unter 100% bedeutet, dass das Umlaufvermögen die kurzfristigen Verbindlichkeiten nicht deckt. Dies ist ein deutliches Warnsignal für Liquiditätsprobleme und erhöht das Insolvenzrisiko nach § 17 InsO erheblich.
Rentabilitätskennzahlen zur Erfolgsbewertung
Rentabilitätskennzahlen messen die Ertragskraft eines Unternehmens und zeigen, wie effizient das eingesetzte Kapital genutzt wird. Sie sind zentrale Indikatoren für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Eigenkapitalrentabilität
Die Eigenkapitalrentabilität zeigt, wie rentabel das von den Gesellschaftern eingesetzte Kapital arbeitet. Die Formel lautet: (Jahresüberschuss / Eigenkapital) × 100. Sie ist die wichtigste Kennzahl für Gesellschafter.
Eine Eigenkapitalrentabilität sollte mindestens über dem risikolosen Marktzins liegen, besser über 10%. Liegt sie dauerhaft darunter, wäre eine alternative Kapitalanlage wirtschaftlich sinnvoller.
Gesamtkapitalrentabilität
Die Gesamtkapitalrentabilität bewertet die Verzinsung des gesamten eingesetzten Kapitals unabhängig von der Finanzierungsstruktur. Die Formel: ((Jahresüberschuss + Fremdkapitalzinsen) / Gesamtkapital) × 100.
Umsatzrentabilität
Die Umsatzrentabilität setzt den Gewinn ins Verhältnis zum Umsatz: (Jahresüberschuss / Umsatzerlöse) × 100. Sie zeigt, wie viel Prozent des Umsatzes als Gewinn verbleiben. Die Zielwerte sind stark branchenabhängig.
15%
Eigenkapitalrentabilität (gut)
8%
Gesamtkapitalrentabilität (solide)
5-10%
Umsatzrentabilität (Richtwert)
„In Bankgesprächen spielen Rentabilitätskennzahlen eine zentrale Rolle. Eine dauerhaft niedrige Eigenkapitalrentabilität unter 5% führt bei den meisten Kreditinstituten zu einer schlechteren Bonitätseinstufung und damit zu höheren Zinsen oder Kreditablehnungen.”
— Servet Gündogan, Büroleiter OnlineBilanz Stuttgart
Kapitalstrukturkennzahlen und Finanzierung
Kapitalstrukturkennzahlen bewerten die Zusammensetzung der Passivseite der Bilanz. Sie zeigen, wie das Unternehmen finanziert ist und wie stabil diese Finanzierungsstruktur ist.
Eigenkapitalquote
Die Eigenkapitalquote ist die wichtigste Kennzahl für die Finanzierungsstruktur. Sie wird berechnet als (Eigenkapital / Bilanzsumme) × 100. Eine höhere Quote bedeutet mehr finanzielle Stabilität und Unabhängigkeit von Fremdkapitalgebern.
Als Mindestwert gilt eine Eigenkapitalquote von 20%. Werte über 30% gelten als sehr solide, Werte unter 10% als kritisch. Bei GmbHs ist zu beachten, dass negative Eigenkapitalquoten auf Überschuldung nach § 19 InsO hindeuten können.
Verschuldungsgrad
Der Verschuldungsgrad setzt Fremdkapital und Eigenkapital ins Verhältnis: (Fremdkapital / Eigenkapital) × 100. Ein Wert von 200% bedeutet, dass das Fremdkapital doppelt so hoch ist wie das Eigenkapital.
Anlagendeckung
Die Anlagendeckung I prüft, ob das Anlagevermögen durch Eigenkapital gedeckt ist: (Eigenkapital / Anlagevermögen) × 100. Werte über 100% sind ideal. Die Anlagendeckung II bezieht langfristiges Fremdkapital ein und sollte mindestens 100% betragen.
| Kennzahl | Berechnung | Zielwert |
|---|---|---|
| Eigenkapitalquote | Eigenkapital / Bilanzsumme × 100 | > 30% sehr gut, > 20% solide |
| Fremdkapitalquote | Fremdkapital / Bilanzsumme × 100 | < 70% |
| Verschuldungsgrad | Fremdkapital / Eigenkapital × 100 | < 200% |
| Anlagendeckung I | Eigenkapital / Anlagevermögen × 100 | > 100% |
| Anlagendeckung II | (EK + Langfr. FK) / Anlagevermögen × 100 | > 100% |
Achtung
Bei GmbHs und UGs muss die Geschäftsführung nach § 49 Abs. 3 GmbHG bei Verlust der Hälfte des Stammkapitals eine Gesellschafterversammlung einberufen. Sinkt das Eigenkapital unter Null, liegt Überschuldung vor – prüfungspflichtig nach § 19 Abs. 2 InsO.
Interpretation der Kennzahlen richtig durchführen
Die Berechnung von Kennzahlen ist nur der erste Schritt. Entscheidend ist die richtige Interpretation im Kontext des Unternehmens, der Branche und der Entwicklung über mehrere Jahre.
Zeitvergleich durchführen
Einzelne Kennzahlen haben nur begrenzte Aussagekraft. Erst der Vergleich über mindestens drei bis fünf Jahre zeigt Trends und Entwicklungen. Eine sinkende Eigenkapitalquote über mehrere Jahre ist beispielsweise ein Warnsignal.
Analysieren Sie nicht nur die absoluten Werte, sondern auch die Veränderungsraten. Eine Umsatzrentabilität von 3% kann akzeptabel sein, wenn sie im Vorjahr bei 1% lag – sie kann aber auch kritisch sein, wenn sie zuvor bei 8% lag.
Branchenvergleich einbeziehen
Kennzahlen unterscheiden sich erheblich zwischen Branchen. Eine Umsatzrentabilität von 2% ist im Einzelhandel normal, in der Softwarebranche jedoch kritisch niedrig. Vergleichen Sie Ihre Werte daher immer mit Branchendurchschnittswerten.
Die Bundesbank veröffentlicht regelmäßig Branchenstatistiken, die als Vergleichsmaßstab dienen können. Auch Branchenverbände stellen häufig Kennzahlen-Benchmarks zur Verfügung.
-
Mindestens drei Jahresabschlüsse für Zeitvergleich heranziehen
-
Branchenspezifische Besonderheiten berücksichtigen
-
Kennzahlen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang betrachten
-
Entwicklungen und Trends identifizieren statt nur Momentaufnahmen
-
Externe Faktoren (Konjunktur, Marktveränderungen) einbeziehen
-
Bei Auffälligkeiten Ursachenanalyse in der GuV durchführen
Zusammenhänge zwischen Kennzahlen erkennen
Kennzahlen beeinflussen sich gegenseitig. Eine hohe Eigenkapitalrentabilität bei gleichzeitig niedriger Eigenkapitalquote deutet auf einen starken Leverage-Effekt hin – das Unternehmen arbeitet rentabel, ist aber stark fremdfinanziert und damit risikoreich.
„Die häufigste Fehlerquelle bei der Kennzahlenanalyse ist die isolierte Betrachtung einzelner Werte. Erst das Gesamtbild aus Liquiditäts-, Rentabilitäts- und Kapitalstrukturkennzahlen ermöglicht eine fundierte Beurteilung der Unternehmenslage.”
— Servet Gündogan, Büroleiter OnlineBilanz Stuttgart
Häufige Fehler bei der Jahresabschlussbewertung
Bei der Bewertung des Jahresabschlusses – sowohl handelsrechtlich als auch betriebswirtschaftlich – werden in der Praxis immer wieder dieselben Fehler gemacht. Diese können zu falschen Schlussfolgerungen oder sogar rechtlichen Problemen führen.
Fehler bei der handelsrechtlichen Bewertung
- Falsche Abschreibungsmethoden: Nutzungsdauern werden nicht nach amtlichen AfA-Tabellen angesetzt oder planmäßige Abschreibungen vergessen
- Verstoß gegen das Niederstwertprinzip: Umlaufvermögen wird trotz niedrigerer Marktwerte zu Anschaffungskosten angesetzt
- Unvollständige Rückstellungen: Verpflichtungen werden nicht oder zu niedrig zurückgestellt (§ 249 HGB)
- Nichtbeachtung des Stichtagsprinzips: Wertaufhellende Ereignisse nach dem Bilanzstichtag werden nicht berücksichtigt
Fehler bei der Kennzahlenanalyse
- Fehlende Zeitreihenbetrachtung: Kennzahlen werden nur für ein Jahr berechnet ohne Trendanalyse
- Keine Branchenvergleiche: Absolute Werte werden bewertet ohne Einordnung in den Branchenkontext
- Isolierte Einzelkennzahlen: Es wird nur auf eine Kennzahl geschaut statt auf das Gesamtbild
- Falsche Berechnungsgrundlagen: Die Formeln werden nicht einheitlich angewendet oder mit falschen Werten befüllt
Achtung
Besonders kritisch: Viele Geschäftsführer übersehen, dass eine fehlerhafte Bewertung nach HGB nicht nur den Jahresabschluss ungültig macht, sondern auch steuerliche Konsequenzen hat. Zudem drohen Ordnungsgelder bis 25.000 Euro nach § 335 HGB bei fehlerhafter Offenlegung.
Vermeidbare Interpretationsfehler
Ein häufiger Fehler ist die Überbewertung einzelner positiver Kennzahlen bei gleichzeitigem Ignorieren negativer Signale. Beispiel: Eine hohe Eigenkapitalrentabilität wirkt positiv, kann aber bei niedriger Eigenkapitalquote und schlechter Liquidität ein Warnsignal für übermäßiges Risiko sein.
Auch die mechanische Anwendung von Zielwerten ohne Berücksichtigung der Unternehmenssituation ist problematisch. Ein Start-up hat naturgemäß andere Kennzahlen als ein etabliertes Unternehmen – das ist nicht automatisch negativ.
Hinweis
Bei Unsicherheiten in der handelsrechtlichen Bewertung sollten Sie einen Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer hinzuziehen. Fehlerhafte Jahresabschlüsse müssen korrigiert werden, bevor die 12-Monats-Frist nach § 325 HGB für die Offenlegung beim Unternehmensregister abläuft.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Bewertung des Jahresabschlusses genau?
Der Begriff hat zwei Bedeutungen: Erstens die handelsrechtliche Bewertung von Bilanzpositionen nach §§ 252-256 HGB, also die Frage, mit welchem Wert Vermögensgegenstände und Schulden angesetzt werden. Zweitens die betriebswirtschaftliche Analyse durch Kennzahlen wie Eigenkapitalquote, Liquidität oder Rentabilität zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage.
Welche Kennzahlen sind für die Bewertung des Jahresabschlusses am wichtigsten?
Die drei wichtigsten Kennzahlengruppen sind: Liquiditätskennzahlen (besonders Liquidität 3. Grades), Rentabilitätskennzahlen (Eigenkapitalrentabilität und Umsatzrentabilität) sowie Kapitalstrukturkennzahlen (Eigenkapitalquote und Verschuldungsgrad). Diese sollten immer im Zeitvergleich über mindestens drei Jahre und im Branchenvergleich betrachtet werden.
Was ist das Vorsichtsprinzip nach § 252 HGB?
Das Vorsichtsprinzip ist der wichtigste Bewertungsgrundsatz im HGB. Es besagt, dass Vermögensgegenstände nicht zu hoch und Schulden nicht zu niedrig angesetzt werden dürfen. Daraus folgen das Niederstwertprinzip für Aktiva und das Höchstwertprinzip für Passiva. Gewinne dürfen nur ausgewiesen werden, wenn sie am Bilanzstichtag realisiert sind.
Wie wird die Eigenkapitalrentabilität berechnet und was ist ein guter Wert?
Die Eigenkapitalrentabilität wird berechnet als (Jahresüberschuss / Eigenkapital) × 100. Sie zeigt die Verzinsung des von den Gesellschaftern eingesetzten Kapitals. Als Mindestwert sollte sie über dem risikolosen Marktzins liegen, Werte über 10% gelten als gut, über 15% als sehr gut. Sie ist die wichtigste Kennzahl für Gesellschafter.
Welche Bewertungsmethoden gelten für Anlagevermögen nach HGB?
Abnutzbares Anlagevermögen wird zu Anschaffungskosten abzüglich planmäßiger Abschreibungen nach § 253 Abs. 3 HGB bewertet. Nicht abnutzbares Anlagevermögen wird zu Anschaffungskosten angesetzt, außerplanmäßige Abschreibungen sind nur bei dauerhafter Wertminderung zulässig. Die Anschaffungskosten umfassen nach § 255 Abs. 1 HGB Kaufpreis plus Nebenkosten minus Preisminderungen.
Wie interpretiere ich eine niedrige Liquidität 3. Grades richtig?
Eine Liquidität 3. Grades unter 100% bedeutet, dass das Umlaufvermögen die kurzfristigen Verbindlichkeiten nicht deckt. Dies ist ein deutliches Warnsignal für Liquiditätsprobleme. Werte zwischen 100-150% sind kritisch, über 150% gelten als solide. Bei dauerhaft niedrigen Werten droht Zahlungsunfähigkeit nach § 17 InsO und damit Insolvenzantragspflicht.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich zu allgemeinen Informationszwecken und ersetzt keine individuelle steuerliche oder rechtliche Beratung. Gesetzliche Grundlagen: § 252 HGB (Bewertungsgrundsätze), § 253 HGB (Zugangs- und Folgebewertung), § 255 HGB (Bewertungsmaßstäbe), § 325 HGB (Offenlegung). Nächste redaktionelle Prüfung: Oktober 2026.


